L’avant monde (‚Vor Entstehung der Welt‘), eine Ausstellung von Dominique Ghesquière

Die Werke von Dominique Ghesquière entstehen aus Begegnungen mit Elementen aus der Natur, auf der Straße oder im Wohnambiente. Die Werke, zumeist Skulpturen oder Ambientes, verlegen die Realität des Alltags in den Ausstellungsraum, wo sie unerwartete Interaktionen oder Wahrnehmungen schaffen, überraschende Inszenierungen, die den Besucher veranlassen, sein Urteil über Dinge, die er für bekannt und etabliert betrachtet, neu zu überdenken und das Wesen der Dinge zu hinterfragen.

Es handelt sich nicht wirklich um Sinnestäuschung oder ‚Trompe-l’œil‘, sondern darum, dass der Künstler eine zwiespältige Position zwischen Wahr und Falsch einnimmt. Guy Debord lehrte uns, dass ‚in der tatsächlich umgekehrten Welt, das Wahre ein Moment des Falschen ist‘. Dominique Ghesquière jedoch zieht es vor, hinter dieser einschränkenden Dualität eine poetische Wirklichkeit zu erahnen.

,Nichts geht verloren, nichts wird geschaffen, alles verwandelt sich‘

Für seine Ausstellung im Ausstellungsbereich ,La Grande Place‘, musée du cristal Saint-Louis‘ bietet der Künstler ein Eintauchen in die Ursprünge der Bestandteile des Bleikristalls, bevor sie im Zuge der Produktion verwandelt werden. Eingereiht in den szenografischen Parcours der Kristallobjekte präsentiert uns Dominique Ghesquière Elemente wie Farnkraut (dessen Asche zur Gewinnung oder Bildung von Kalium benötigt wird), Wald, Wasser und Feuer… als würden diese plötzlich dem Gedächtnis des Kristalls entspringen, um ihre notwendige Existenz zu behaupten.

Hier teilen sich diese Materialien nicht den Ausstellungsraum mit dem Besucher, sondern bieten sich dem Blick hinter Vitrinen im Geiste eines Vivariums dar, wie das Kristall, dessen Ursprung sie symbolisieren. Über eine rein haptische Beziehung hinaus lädt diese für den Künstler ungewöhnliche Stellung im Raum den Blick ein, von einer Skulptur zur nächsten zu wandern, um die Kraft der Natur hinter all den in der an das Museum angrenzenden Manufaktur ablaufenden Arbeitsschritten stärker zu spüren.

Der Lavoisier zugeschriebenen Maxime zufolge „Nichts geht verloren, nichts wird geschaffen, alles verwandelt sich“ offenbaren die Installationen von Dominique Ghesquière im reinsten Land art-Stil die ganze stoffliche und territoriale Dimension des Kristalls in einer gleichermaßen archäologischen, filigranen und lyrischen Geste.

 

„L’héritage des secrets“ (‚Vermächtnis der Geheimnisse‘) – ein Zyklus dreier Sonderausstellungen

Geben wir uns einen Moment der Vorstellung hin, dass all die Karaffen, Vasen, Briefbeschwerer aus Millefioriglas, die in den Regalen des Ausstellungsareals „La Grande Place, musée du cristal Saint-Louis“ funkeln, Produkte der Zauberei, der Wahrsagung oder der Hexenkunst seien. Sie wären also die archäologischen Zeugnisse altertümlicher Rituale, deren Ursprung und Geheimnis wir ergründen müssten, und drei Künstler würden uns nacheinander eine poetische Auflösung des Rätsels anbieten, die jeweils in neue Rätsel münden…

Das Vermächtnis der Geheimnisse (‚L’héritage des secrets‘) ist eine Abfolge von drei persönlichen Ausstellungen, die den historischen, architektonischen und ästhetischen, technischen und menschlichen Hintergrund mehrerer Jahrhunderte Glaskunst im Rückblick beleuchten. Im geschäftigen Treiben der angrenzenden Werkstätten werden die Kunstgriffe und Fertigkeiten von Generation an Generation in einer lange Jahre währenden Initiation weitergegeben. Die eingeladenen Künstler lassen die einzigartige Welt der Bleikristallkunst auf sich wirken und schaffen Werke, in denen diese Welt durch Brechung von Sinn und Bedeutung nachklingt, genau wie das Kristall hindurchscheinendes Licht bricht.

 

Das Ausstellungsprogramm im Ausstellungsareal „La Grande Place, musée du cristal Saint-Louis“

Mit dieser persönlichen Ausstellung des Künstlers Dominique Ghesquière setzt die Stiftung der Firma Hermès ihr Programm mit Sonderausstellungen im Ausstellungsareal “La Grande Place, musée du cristal Saint-Louis“ fort; dieses Programm reiht sich in das Ausstellungsprogramm an ihren eigenen Produktionsstätten (Brüssel, Singapur, Seoul, Tokio) und in Zusammenarbeit mit anderen Museumseinrichtungen „Formes simples“ (‚Einfache Formen‘) im Centre Pompidou-Metz, „L’Esprit du Bauhaus“ (Der Geist der Bauhaus-Bewegung) im Kunstgewerbemuseum MAD von Paris) ein.

Jedes Jahr organisiert die Stiftung dort zwei Ausstellungen im Zeichen der zeitgenössischen Schöpfung, betrachtet durch das Prisma ihres Know hows. Die thematischen Ausstellungen werden in Zusammenarbeit mit einer Lothringer Kultureinrichtung und in Partnerschaft mit der Glashütte Cristallerie Saint-Louis als eine Zyklus von drei Sonderausstellungen gestaltet. Nach einem ersten und einem zweiten Zyklus, die jeweils im Centre Pompidou-Metz und im 49 Nord 6 Est – Frac Lothringen (Metz) veranstaltet wurden, vertraut die Stiftung den dritten Zyklus dieses Programms nun dem Centre d’art contemporain (Zentrum für zeitgenössische Kunst) – Synagoge von Delme im Departement Moselle an.